Ein Saxophon in er Stille der Nacht
Das ist ebenso ungewöhnlich wie spannend: Anna Clyne, in dieser Spielzeit „Composer in Focus“ des Göttinger Symphonieorchesters, stellt in ihrem 2021 entstandenen Stück „Glasslands“ das Sopransaxophon in den Fokus. Am Sonntag, 8. März 2026, um 11:00 Uhr in der Stadthalle Göttingen ist erstmals in der Sonntagsmatinee-Reihe ein Werk von Anna Clyne zu erleben, und Asya Fateyeva, deutsche Saxophonistin mit ukrainischer Abstammung, übernimmt den Solopart. Chefdirigent Nicholas Milton umrahmt „Glasslands“ mit Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ sowie mit Tschaikowskys fünfter Symphonie.
Tickets sind auf der Homepage des GSO unter www.gso-online.de sowie an allen bekannten VVK-Stellen erhältlich.
Die Operngeschichte ist voll von verschwindenden Figuren, solchen, die plötzlich nicht mehr sichtbar sind. Man denke an den Tarnhelm im „Ring des Nibelungen“, an all die Figuren, die sich bei Mozart verstecken oder an die titelgebende Ludmilla, die in Michail Glinkas Oper „Ruslan und Ludmilla“ zu Beginn im Dunkel verschwindet – gerade dann, als sie ihren Ruslan heiraten soll. Doch es gibt ja durchaus eine unsichtbare Welt, seit jeher schon, und diese weiß uns mehr zu sagen, als wir denken. Davon erzählt uns die Musik. Nur gut fünf Minuten dauert die Ouvertüre zu Glinkas „Ruslan und Ludmilla“, doch sie hat nun schon fast 200 Jahre in den Konzertsälen überlebt, während die 1842 in St. Petersburg uraufgeführte Oper, zu der sie so mitreißend einleitet, weitaus seltener gespielt wird. Schnelle, geradezu wilde Streicherläufe machen die Ouvertüre aus, und ein wenig lassen sich schon die Orientalismen erahnen, die im weiteren Verlauf der Oper noch häufiger zu hören sein werden.
Dass auch zeitgenössische Musik auf Mythen, Geheimnisvollem und den Augen Verborgenem basieren kann, beweist das erst 2021 geschriebene und vor drei Jahren in Detroit uraufgeführte Werk „Glasslands“ der Komponistin Anna Clyne. 1980 in London geboren, lebt Anna Clyne heute in den USA und ist in dieser Spielzeit „Composer in Focus“ des Göttinger Symphonieorchesters. Wie gewohnt versieht Anna Clyne „Glasslands“ mit einem Kontext: „‘Glasslands’ beschwört eine imaginäre Welt mit drei Reichen herauf, die von der Banshee beherrscht wird“, sagt die gefragte Komponistin, deren Musik schon in höchsten Machtsphären, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, gespielt wurde. Die Banshee sei „ein weiblicher Geist, der in der irischen Folklore den Tod eines Familienmitglieds ankündigt, indem er in der Regel in der Stille der Nacht heult, kreischt oder klagt.“
Und es handelt sich keineswegs um ein kleines, nächtliches Liedchen, sondern um ein vielseitiges Solistenkonzert mit nicht weniger als 25 Minuten Dauer, das hier das Unsichtbare und das Verschwinden in den Fokus nimmt. Vielmehr ist „Glasslands“ ein virtuoses bis verspieltes, ein zartes bis klanggewichtiges Werk. Und zudem ein Konzert mit einem in der klassischen Musik höchst ungewöhnlichen Soloinstrument. Asya Fateyeva, eine deutsche Saxophonistin mit ukrainischer Abstammung, übernimmt diese Rolle
Eines der bekanntesten Komponistenzitate rahmt Pjotr Tschaikowskys Fünfte ein, die zu den beliebtesten Symphonien aus der Feder des Russen zählt. „Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung“, schrieb Tschaikowsky zum ersten Satz. Was hat es mit diesen vorherbestimmten Ereignissen auf sich? Psychologen könnten vielleicht von einem Verschwinden des Ich sprechen – von einem Zustand, der uns möglicherweise gar nicht so fremd ist: Indem Tschaikowsky diese Worte wählt, beraubt er sich jeglicher Handlungsfähigkeit. Er versteckt sich hinter einer Bestimmung, die alles von allein regelt. So wie wir hinter den Schicksalsschlägen der Gegenwart verschwinden: Krieg, Krise, kranke Demokratie – da kann man nichts mehr machen.
Allerdings versteckt Tschaikowsky seine Musik keineswegs; sie ist und bleibt so ungeheuer ausdrucksstark. Kein Wunder bei dem biografischen Hintergrund: Von welcher Art die seelischen Qualen waren, die Tschaikowsky zeitlebens umgetrieben haben, lässt sich beispielhaft an der Entstehungsgeschichte seiner Fünften ablesen. Er zweifelte. Nicht nur zu Beginn der Arbeit, sondern auch mittendrin und nachdem er die Komposition vollendet hatte. 1888 wurde die Fünfte mit mäßigem Erfolg uraufgeführt. Einige Zeit verschwand das Werk aus den Konzerthäusern, bis Dirigent Arthur Nikisch es wiederentdeckte. Bis heute erfreut es sich höchster Beliebtheit.
Michail Glinka Ouvertüre zur Oper „Ruslan und Ludmilla“
Anna Clyne „Glasslands“ für Sopransaxophon und Orchester
Pjotr Tschaikowsky Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64
Nicholas Milton Dirigent
Asya Fateyeva Saxophon
Göttinger Symphonieorchester
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